Advent

 

29.11.2022

Ab dem ersten Dezember wird es hier einen Adventskalender anstelle des Blog geben. Mit Türchen zum Anklicken. Hier Impressionen aus Mannheim.
SchaufensterPyramideKugel

Aus meinem Roman: Zeit der Wildhunde

Eine Beschreibung und weitere Leseprobe gibt es Hier

24.11.2022

»Die Wolken, die der Wind dunkel vor dem hellen Horizont treibt, sie sehen aus wie eine Herde wilder Stiere, dachte sie.
So, wie sie in Spanien auf den Weiden grasen, stolz und schwarz, und dann in den Kampf ziehen, nur die schönsten und stärksten von ihnen. Und die spanischen Jungen träumen davon, eines Tages berühmte Stierkämpfer zu werden, mit goldbesticktem Bolero schwenken sie die Manta in ihren Träumen und schleichen am Tag heimlich auf die Weiden, um mit den Kühen zuerst ihre Kräfte zu messen. Den Schönsten und Stärksten von ihnen gelingt der Traum und sie stehen in der Arena als junge Männer und die Frauen rufen ihnen zu und werfen Blumen hinab. Dann der Stier, der schwarze wilde, er schnaubt und scharrt mit den Füßen. Die besten der Stiere müssen nicht sterben, sie werden fortgeführt, zurück auf ihre königliche Weide und vererben Klugheit und Kampfgeist ihren Nachkommen. Aber die besten der Jünglinge sterben in der Arena, weil sie die Würde des Tieres in seinen Augen erblicken, nur die Geistlosen überleben.«

Stier

Lisa Fittko: »Mein Weg über die Pyrenäen« - Erinnerungen 1940/41

Ein sehr lesenswertes Buch

21.11.2022

Lisa FittkoAm Ende des Buches wird sehr gut erklärt, warum Deutschland am 8. Mai 1945 nicht »befreit« wurde. Lisa Fittko zitiert einen Artikel ihres Mannes Hans Fittko:
»Manche unserer Freunde hier (in den USA, Anm.d.V.) fragen uns: Wie könnt ihr nur nach Deutschland zurückwollen? [...] Was sie - die Nazis - uns angetan haben, verpflichtet uns zur Rückkehr. Auf diesen Augenblick haben wir während der Jahre des Exils gewartet. Gemeinsam mit den Kämpfern des Widerstands müssen die Wurzeln des Faschismus ausgetilgt, die Schuldigen gerichtet werden.
Die Aliierten haben Deutschland besiegt. Deutschland vom Faschismus befreien können nur wir.«
Das ist leider nie passiert!

Lisa Fittko wurde 1909 in Uzhorod, Ukraine, geboren. 1933 musste sie Deutschland verlassen. Im Exil in Frankreich unterstützten sie und ihr Mann aktiv den Widerstand gegen Hitler und verhalfen vielen gefährdeten Personen zur Flucht über die Pyrenäen. 1941 gelang ihnen die Flucht nach Kuba und von dort 1948 die Einreise in die USA.

Hektische Tage

20.11.2022

Frost
Arztbesuche, Telefonate, erneute Arztbesuche, ein Sohn im Krankenhaus - zu jung, um so krank zu sein - Hilfe bei den Enkeln, Theater, Computerprobleme, Reiseplanung ... die Zeit rennt davon.
Da bin ich froh, wenn tatsächlich mal Sonntag ist, und sonst gar nichts. Spät frühstücken, eine große Runde mit dem Hund spazieren gehen und niemanden treffen. Die Luft einatmen, einzelne Schneeflocken begrüßen. Sonst nichts.
Und sich über ein gutes Buch freuen, dessen Gedanken mich tief eintauchen lassen in das Suchen nach dem, was über unsere täglichen Sorgen hinausweist.

Weißt du noch ...?

17.11.2022

Das Gespräch dauerte die ganze Nacht.
Sie hatte ihn nur auf einen Kaffee einladen wollen. Dann hatten sie Musik gehört, die Stücke aus alten Zeiten, sich erinnert, eine Kerze angezündet und viele »Weißt du Noch’s« ausgetauscht. Eine leichte Sentimentalität war nicht zu leugnen, und nach dem Kaffee hatte sie eine Flasche Rotwein geöffnet, ganz wie früher. Und ganz wie früher hatten sie getanzt, allein, mitten im Wohnzimmer zu der Musik, die sie immer geliebt hatten.
Zufällig getroffen mitten in der Stadt, in dieser großen Stadt, nach so vielen Jahren, und sofort wieder erkannt: »Du hast dich gar nicht verändert« und die Freude ob des Wiedersehens. »Und wie ist es dir ergangen?«, hatten sie gefragt, waren zusammen essen gegangen, hatten erzählt, erzählt, waren am Fluss entlang geschlendert, und dann der Kaffee in ihrem Wohnzimmer.
Eine Vertrautheit hatte sie beschlichen wie ein altes Kleidungsstück, das man nach Jahren im Schrank wieder findet, und es passt noch und der gute Geruch vergangener Zeiten haftet noch darin. Einmal war es Liebe gewesen und sie war erstickt in Alltäglichkeiten, Versicherungsfragen, Überstunden und wer putzt das Badezimmer.
Und nichts war übrig geblieben, als ein gemeinsames »Weißt du noch«.

Rocco

Wir haben Fortschritte gemacht

16.11.2022

RoccoDas Vertrauen wächst. Rocco folgt mir inzwischen am lockeren Führstrick auf Handzeichen. Und er zeigt deutlich, dass es ihm Freude macht, mit mir zu arbeiten. Wenn er mich hört, kommt er an den Eingang des Paddock gelaufen. Gestern hat er mich nicht gehört, ich brauchte nur einmal rufen, da war er da. Auch dass er während des Trainings ausschlaucht, ist ein Zeichen für Wohlbefinden und Entspannung.
Ich hatte mit dem Target Training begonnen, er kennt das Kommando »Target«: Er richtet seine Aufmerksamkeit auf das blaue Ding am Ende meiner Gerte und folgt ihm. Er spielt gern mit den blauen Wassertonnen, wirft sie schon mal um und rollt sie vor sich her. Und gestern hat er ein neues Spiel entdeckt: den Tennisball. Er findet ihn einfach klasse. Ich kann ihn werfen und Rocco folgt ihm und berührt ihn dann. So kann ich das Pferd auch schicken.
BallBall
Er kommt auch an die Aufstiegshilfe und neuerdings darf ich ihn dort dann kurz berühren, bevor er rückwärts weicht. Und ganz manchmal lässt Rocco es zu, dass ich seinen Hals streichele oder seine Brust.

Mehr Fotos gibt es Hier
Alle Fotos © Ursula Baasner

Enkelkinder ...

13.11.2022

Enkelin... sind wunderbar. Ich habe viele. Drei davon wohnen nur eine halbe Stunde mit dem Auto entfernt und ich habe das Glück, sie jede Woche zu sehen. Schon die ganz Kleine - 16 Monate - kommt mir entgegengelaufen: »Ama, Ama ...« und »Wu, wu ...« für den Hund. Beim letzten Besuch rannte sie dann gleich in die Küche und holte eine Plastikschüssel, damit der Hund Wasser bekommt. Die Große - 6 Jahre - hängt zurzeit sehr an mir. Sobald ich da bin, werde ich mit Beschlag belegt. Da kommt dann der Bruder - 4,5 Jahre - schon mal zu kurz.
Gestern Abend war Enkelhüten mit ins Bett bringen angesagt - die Eltern waren eingeladen. Die Kleine schlief schon.
Es gab zunächst einen Spiele- und Fernsehabend mit Popcorn und Kinderpunsch. Wir spielten UNO, Mikado, Koffer packen (das kannten die Kinder noch nicht) und Ich sehe was ... und hatten Spaß.
Dann war es Zeit für's Bett. Und plötzlich realisierte die Große, dass die Eltern nicht da waren. Sie kann dann sehr eigensinnig und heftig werden, so sehr, dass ich an meine Grenzen komme und hilflos und zu hart reagiere. Leider.
Der Bruder ging brav ins Bett, inzwischen war die ganz Kleine unruhig und ich musste mich kümmern. Klammheimlich ging die Große allein ins Bett, nicht, ohne dafür zu sorgen, dass alle Rollläden heruntergezogen waren und alle Lichter gelöscht! Als ich in ihrem Zimmer nach ihr schauen wollte, wurde mir der Eintritt verwehrt, was ich akzeptierte.
Und heute morgen: Sie kommt herunter, setzt sich auf meinen Schoß, schaut mich bittend an und ich flüstere ihr ins Ohr: »Ich habe doof reagiert, es tut mir leid. Und: das brauchen wir der Mama nicht sagen.« Sie lächelt mich an und alles ist wieder gut.
Ich habe einfach gemerkt, dass ich überreagiert und ihre Gefühle missachtet habe. Ich hätte ihr Traurigsein am Abend ernst nehmen sollen ... hinterher ist man immer schlauer.

Wintergedicht

12.11.2022

in meinen mondgrünen nächtenMond
kräht der hahn vierzehn mal
bevor ich verraten bin
in meinen nächten
heulen keine hunde
mit den wölfen
und ich höre nicht das brüllen
der wasser
die alles verschlingen
meine nächte
sind pechfarben oder weiß
und gehen unter
mit dem licht

Theater Lüneburg: Hedda Gabler - eine nicht alltägliche Vorstellung

Inszenierung von Daniel Kunze / Bühnenbild Cornelia Brey / Musikalisches Arrangement: Vasko Damjanov
Fotos gibt es auf der Webseite des Theaters - Link unten im Text

10.11.2022

Hedda Gabler Am Dienstag habe ich mit Freunden das Drama Hedda Gabler im Theater Lüneburg besucht. Gleich vorneweg: Es hat uns sehr gut gefallen.
Das Bühnenbild ist sparsam, fast minimalistisch gehalten. Im Hintergrund sind fünf große Vierecke, die ihre Farbe wechseln. Zu Beginn des Stückes und zwischen den Akten sind sie weiß. In jedem der Vierecke ist eine Figur des Stückes zu sehen, sie vollführen zu der von Vasko Damjanov komponierten, eindrücklichen Musik immer gleiche Bewegungen, ein Schema, das sich ständig wiederholt.
Im Nachgespräch mit den Schauspieler:innen tauchte die Frage auf, wie wir als Zuschauer das fanden, bzw. interpretierten. Für mich war auf diese Weise auf eindrückliche Art das Gefangensein der Figuren in ihrem eintönigen, sich stetig wiederholenden Alltag dargestellt.
Als erste tritt Hedda Gabler (Beate Weidenhammer) nach vorn auf die Bühne. Sie stakst im langen weißen Kleid durch unzählige Papierstapel, die auf dem Boden angeordnet liegen: das Manuskript ihres Gatten Jørgen Tesman, Kulturhistoriker (Jan-Philip Walter Heinzel). Hedda steht eine ganze Weile vorn an der Bühne. Nur ihr Gesicht bewegt sich und zeigt ausdrucksvoll, wie sehr sie sich langweilt.
Ihr Mann kommt hinzu. Sein Charakter: kleinbürgerlich, konventionell, strebsam. In der Darstellung gekennzeichnet durch sich ständig wiederholende Bewegungen: Er sortiert seine Blätter neu, nimmt hier einige fort, legt sie dorthin, rückt zurecht, riecht daran, sortiert neu … Wenn er sich Hedda zuwendet, ist deutlich ihre Abneigung zu sehen.
Thea Elvsted (Elisa Reining) hat dem jungen Kulturwissenschaftler Ejlert Løvborg (Niklas Schmidt) bei der Erstellung seines Buches und bei der Überwindung seiner Alkhololsucht geholfen. Ihre Bewegungen auf der Bühne sind eifrig, zackig, entschlossen.
Niklas Schmidt stark in der Rolle des Ejlert Løvborg, in seiner Verzweiflung, in seiner Selbstzerstörung, herausgefordert durch Hedda.
Der ebenfalls Ränke schmiedende Richter Brack (Matthias Herrmann) tänzelt durchs Leben. Er macht Hedda Avancen, die sie zunächst ablehnt. Bracks Dasein ist ein einziges Tänzeln und Lavieren.
Nach der Vorstellung gab es einen »Stammtisch mit den Darsteller:innen«. Leider waren nur wenige Zuscher:innen geblieben. Wir diskutierten über Fragen wie: Warum finden nicht mehr, vor allem auch jüngere Zuschauer:innen den Weg ins Theater. Gerade Themen wie »Hedda Gabler« (oder auch »Drei Schwestern«, Anton Tschechow) sind ja durchaus aktuell und gerade auch in der Inszenierung durch Daniel Kunze modern, ja, spannend bearbeitet. Liegt es an den kurzlebigen »Reels«, die junge Menschen häufig konsumieren? Gegenargument: Sie schauen ja durchaus auch längere Filme im TV. Liegt es daran, dass durch die Schule klassische Literatur verleidet wird? Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt … oder die Jugend nicht ins Theater – muss dann vielleicht das Theater zur Jugend kommen?
Resümé: Ein starkes Stück Theater, dem ich noch viele begeisterte Zuschauer wünsche!

Kein Vergessen - kein Vergeben - Nie wieder Faschismus!!!

09.11.2022

Nie wieder

Fragen

ein ganz altes Gedicht

08.11.2022

fragehab mich mein leben lang gefragt
nur wenig menschen konnt ich finden
die mit mir in die tiefe gingen
und widerstanden, bis die angst verjagt

hab hin und her den traum in mir bewegt
und stunden, tage durchgesponnen
und oft allein im dunkeln ich so saß
mich ruhelos zur ruhe dann gelegt

das fragen doch, das sinnen war mir leben
und mag mich irgendeinmal jemand fragen
und richten, was mein hier gewesen
und wissen wollen wo denn der gewinn
so antwort ich: die frage ist der sinn

Wie viele Wahrheiten gibt es?

07.11.2022

Gefunden auf Facebook:
»Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, wir sehen sie so, wie wir sind.« (Anaïs Nin)

Ich möchte hinzufügen: Wir sehen auch die Menschen nicht, wie sie sind. Wie wir den anderen sehen und wahr nehmen, liegt in uns selbst begründet. Meine Jüngste und ich haben uns früher immer gegenseitig bestätigt: »Es ist alles da oben drin.«
Da oben - das meint unseren Kopf natürlich. Es liegt an mir, ob ich mich von meinem Kind oder Hund genervt fühle, weil ich selbst schlecht drauf bin. Dinge, die mich heute stören, finde ich unter anderen Umständen lustig oder cool. Es liegt an mir.
Und umgekehrt: Wie ein Gegenüber auf mich reagiert, ob er oder sie mich sympathisch findet oder sich genervt fühlt, weil ich soviel rede manchmal (smilie) - es liegt in ihm oder ihr selbst begründet.

ABER: Wie ich Faschisten sehe, liegt in den Tatsachen der deutschen Vergangenheit begründet! Tatsachen bleiben Tatsachen!

Aus meinem Roman »Rädergesang«:

Eine Mischung aus Realität und Fiktion

06.11.2022

Und wieder fesselt mich der eintönige Singsang der Räder. Ich lausche hinaus, lausche ob ich nicht etwas mehr vernehme und ob nicht in dieses eintönige Dunkel ein wenig Licht zu bringen sei.
Die Dunkelhaarige mir gegenüber liest in einem Buch, es ist geschrieben von einem südamerikanischen Autor, das macht sie interessant in meinen Augen. Sie trägt blau, das steht ihr gut, ein Hemd mit Kapuze, eine weich fallende Hose. Jetzt hebt sie den Kopf und schaut mich an aus abgründigen, grauen Augen und ich erwidere ihren Blick. Seltsam, einen fremden Menschen so anzuschauen. Sie lauscht auf das Rauschen des Zuges und spricht zu der Nacht.
»Der Mann, den ich verließ«, sagt sie, »so nah wie kein anderer und doch so unerreichbar fremd. In den ich versinken konnte im Wachen und im Träumen und den ich suchte mit jeder meiner Fasern. Da war tiefes Ineinandertauchen und zugleich das kalte fremde gegeneinander Stacheln, das Hinabstürzen in unbeantwortete und immer unbeantwortet bleibende Fragen. Für mich eine ausweglose Liebe, für ihn vielleicht nur eine unter anderen, eine Bagatelle. So verloren ohne ihn.«
Sie schaut durch mich hindurch und spricht zu einem, der nicht da ist.
»Wie eine Katze ist er«, klagt sie, »Schenkt sich mit Hingabe zu einer Zeit und ein tiefes Grollen gleich einem Schnurren meint man zu hören, und im nächsten Augenblick starren seine himmelfarbenen Augen hart und so fremd.
Wissend, dass die Einheit, die ich ersehne, nicht zu haben ist, zerreißt das Sehnen danach mir mein Innen.
Und ich wanderte am Inselstrand einsam, bohrte meine Füße in den kalten Sand und das Wasser lockte. Aber ich gab nicht nach. Wanderte und mochte es endlos dauern, weil ich den Weg zurück nicht fand. Und gibt es überhaupt Worte, die diese Kälte zu durchdringen vermögen. Ich glaube es nicht, weil doch das, was drinnen ist, sich nicht kleiden lässt, Worte sind zu groß oder zu klein.«
Sie hat es nicht bemerkt, aber ich bin mit ihr gewandert am einsamen Strand, sie hat es nicht gespürt. Und wir sitzen im Zug, der nach Osten eilt und eilt und ohne Pause das Dunkel der Nacht auf schimmernden Gleisen zerteilt.

Zeit ...

05.11.2022

Die Zeit rast. So empfinde ich es heute. Ja, manchmal kann es nicht schnell genug gehen. Man freut sich auf etwas, einen Besuch, ein Konzert, und es soll schnell herbei kommen. Aber ebenso schnell ist es vorbei. Frühling - das war doch erst gestern, und jetzt ist das Jahr fast um. Es ist wie ein Strudel. Oben - in der Kindheit - dreht er noch langsam. Aber je mehr man eintaucht in den Strudel der Zeit, je tiefer er einen hinunter zieht, um so schneller dreht er - dem Ende entgegen.
Als Rentnerin hat man Zeit, so heißt es, und die Jungen machen sich lustig, wenn Rentner behaupten, sie hätten keine. Ich weiß nicht, wie ich früher alles geschafft habe: berufstätig sein, Kinder versorgen, mit dem Hund gehen, Arztbesuche, und danben noch diverse Hobbys pflegen.
Heute schaffe ich das nicht mehr. Zwei Sachen kann ich mir für einen Tag vornehmen: vormittags mit dem Pferd arbeiten z.B., kochen, essen, Mittagsruhe. Am Nachmittag einen großen Spaziergang mit dem Hund, vielleicht noch Staub saugen ... ein bisschen am Computer daddeln - und schon ist der Tag um.
Dazu kommt gelegentlich das Gefühl, zu nichts mehr wirklich nutze zu sein. Überflüssig. Manchmal auch überdrüssig: Der Gedanken- und Rücksichtslosigkeit, der Dummheit, die mir immer wieder begegnet. Der immer gleichen Abläufe, die mir oft so sinnlos erscheinen.
Ich kann sehr gut nachempfinden, was Olga aus Tschechows Drei Schwestern zum Schluss sagt:
»... Wir werden verschwinden und man wird uns vergessen, unsere Gesichter und unsere Stimmen ... Ich glaube, bald werden wir wissen, warum wir leben, und warum das so weh tut. Wenn ich es nur jetzt schon wüsste ...«

Pferde

04.11.2022

Eigentlich wollte ich ein Buch darüber schreiben, wie es ist, im Alter wieder mit dem Reiten anzufangen. Ich hatte mir schon Themen überlegt, wie - Warum überhaupt wieder anfangen - Was habe ich früher gelernt, was hat sich verändert - Gesundheit, körperliche Voraussetzungen - Ausrüstung ... und vieles mehr. Ich hatte sogar einen Verlag angeschrieben, der allerdings hielt das Thema wohl nicht für interessant genug. Wie auch immer, das Buch habe ich bisher nicht geschrieben, anderes war wichtiger.
Was mich heute beschäftigt ist die Frage, was mir das Reiten, bzw. der Umgang mit Pferden bedeutet. Warum reicht es mir nicht, einen Hund zu haben?
EmmaMit einem Pferd auf »Du und Du« zu stehen, zu spüren, wie langsam das Vertrauen wächst, wie es sich dir zuneigt - das ist schon ein sehr besonderes Gefühl. Mit der Norwegerstute, mit der ich zwei Jahre lang gearbeitet habe, hatte ich einen hohen Grad an Vertrauen erreicht. Das ging so weit, dass sie bei Spaziergängen frei neben mir lief und mir auf dem Platz freiwillig ihren Rücken zum Aufsteigen anbot. Leider musste ich diese Reitbeteiligung aufgeben.
Jetzt arbeite ich mit einem neuen Pferd, einem großen Tinker, der vorher im Reitschulbetrieb ging. Eine Beziehung zu einem Menschen zu haben - das kennt er nicht. Ich versuche, mit kleinen Schritten, Vertrauen aufzubauen und mich ihm anzunähern. Es ist für mich eine harte Schule, denn Geduld war noch nie meine Stärke. Das muss ich im Umgang mit den Pferden lernen.Rocco
Der Moment, wo Rocco mir zum ersten Mal erlaubt hat, seinen Kopf zu berühren, seine Ohren und seine beeindruckende Mähne zu kraulen war sehr emotional für mich. Beim letzten Training ist er auch zum ersten Mal so nah an die Aufstiegshilfe herangekommen, dass ich seinen Rücken berühren durfte.
Natürlich macht er das alles aus Gehorsam im Unterricht mit den Kindern. Aber ich möchte nicht seinen unbedingten Gehorsam, ich möchte, dass er es freiwillig und gern mit mir tut ...

Ausgelöscht

aus meinem Sammelband »Spuren« - Lyrik und Kurzprosa

01.11.2022

der antragsteller betritt den raum um seinen antrag zu stellen und muss sich anstellen immer an der wand entlang dazu acht geben dass er seine vielen dokumente beisammen hält der antragsteller der sich anstellt um einen antrag zu stellen um darzustellen er sei kein bittsteller auch kein ... und bevor er sich wirklich anstellen muss tritt er vor einen hin tritt vor ein pultartiges möbel hinter dem einer sitzt hinter dem ein mensch sitzt ein sogenannter ein beamteter oder nein heute sind sie nur noch angestellte und von da zum antragsteller sei es nur ein kleiner schritt sagt er benimmt sich aber so als liegen weite räume zwischen ihm und dem der da vor ihm steht der angestellte gegenüber dem antragsteller. allerdings dieser hier sieht nicht aus wie ein angestellter er sieht aus wie eine maschine.
der bewegt seine arme langsam seine finger wandern über tasten seine augen wandern über einen monitor vor seinen augen flimmern zahlen und zeichen und zahlen und zeichen und sie hypnotisieren ihn und wie hypnotisiert wendet er seinen großen kopf hierhin und dorthin und einmal gelingt es ihm gar seinen blick von den zahlen und zeichen zu lösen und er wendet sich zu dem antragsteller und mustert ihn wie zahlen und zeichen und er macht zeichen mit dem mund keine freundlichen und wendet sich wieder dem gerät zu.
der antragsteller nennt dem angestellten seine kennzeichen und darf sich nach eingehender prüfung derselben anstellen.
in einer langen langen riesenschlange bewegen sich die antragsteller in winzigen schritten vorwärts, die schlange stockt, eine blecherne stimme scheppert von der decke, die schlange bewegt sich winzige schritte weiter voran im gleichschritt und alle farbe weicht von ihnen sie sind nicht mehr frauen und männer und stadtbewohner und dörfler und sie sind keine väter und keine mütter und sie tragen keine roten blauen gelben kleider mehr und keine hüte und mützen sie sind grau grau grau und sie sind alle nur noch teile einer schlange einer gemeinschaftsschlange einer bedarfsgemeinschaftsschlange eines schlangenbreis sie sind antragssteller und bittsteller und sie sind in ihren bedürfnissen neutralisiert und reingewaschen und sie werden reiner gewaschen und durchleuchtet und ausgehorcht und ausgeforscht und ausgeforstet und durchgeleuchtet und abgelichtet und ausgeblutet und leergefegt und durchgeweht und ausgeleert und ausgeleert. und endlich endlich wenn sie ganz und gar leer und nur noch hülle ohne jegliche fülle wenn sie vollständig entblößt und bloß jeglicher ehre was ist das wenn sie entehrt und bekehrt und schrittchen für schrittchen bis an das letzte ende der schlange gelangten wenn sie dieses hehre ziel erreichen dann sind sie nicht mehr antragsteller und auch keine bittsteller sie sind als bedarfsgemeinschaftsglied bedürftig anerkannt sie sind anerkanntes mitglied der großen unzählbaren gemeinde sie dürfen aufsteigen in die unerreichbar scheinende zone der empfangenden der empfänger der reingewaschenen durchleuchteten erleuchteten empfänger.
durch ein hohes fenster dringt ein sonnenstrahl unerwartet an diesen ort er dringt und fällt auf gläsern scheinende gestalten er dringt durch glasleiber glänzt auf glasschultern tanzt auf glashaaren funkt in glasaugen der durchleuchteten erleuchteten glasmenschen.
weiter wandert der unsichtbare beobachter steigt er viele treppen empor zu einem raum im oberen geschoss einem raum wo alle dokumente vernichtet werden. der raum misst fünfhundert fuß im quadrat und ist umfasst von hohen wänden gleich einer kirche mit einem kuppeldach und in diesem sakralen geviert das jedes geräusch spiegelt und erhöht werden dokumente geopfert, werden alle individualitäten herausgelöscht und in einer heiligen zeremonie die papiere zerstört. an den wänden stehen große behälter einer neben dem anderen mit verschiedenfarbig eingefassten deckeln in denen sich kleine öffnungen befinden.
einer prozession gleich schreiten die angestellten mit stapeln von dokumenten in einer langen reihe hinter einander her und nicken bedächtig mit den köpfen während ihre hände das jeweils oberste papier in scharfe falten kneifen und zerreißen in kleine vierecke zerrreißen die sie jedes in einen anderen der behälter gleiten lassen um dann weiter zu schreiten zu dem nächsten der wieder einen schnipsel erfasst und der nächste und der nächste und das nächste dokument mit dem in gleicher weise verfahren wird um somit auszulöschen jegliches wissen über jegliches individuum das in diesen dokumenten sich einst dokumentierte und das mit ihrer auslöschung jegliche unterscheidbarkeit verliert. und keiner spricht in dem raum alle sind sich der heiligen pflicht bewusst und sind voller konzentration auf ihre aufgabe gerichtet und man hört nur das rascheln und reißen der papiere, nur das rascheln und reißen und das schreiten auf den platten des steinfußbodens. wenn alle dokumente eines stapels auf dem arm eines angestellten auf diese weise geopfert wurden bleiben da noch die metallklammern die alles zusammenhielten und auch diese werden akribisch getrennt und in einen weiteren behälter mit einem farbig eingefassten deckel mit einer aufnahmeöffnung und die klebestreifen die aufklebten was zu kleben war die nun abgetrennt ihrer aufgabe entledigt ihrer stilgerechten entsorgung harren. dann verlässt der angestellte würdigen schrittes den sakralen raum durch eine hohe tür und wandelt durch einen langen gang mit vielen türen hinter denen telefone schrillen und stimmen murmeln und verschanzt sich erneut hinter einem pult um mit einem knopfdruck der blechernen stimme draußen das vorrücken der langen schlange der antragsteller um einen winzigen schritt zu erlauben.
jedoch den hohen raum betritt ein anderer angestellter mit einem stapel dokumente auf dem arm und er reiht sich ein in die prozession der vernichtung.

November

31.10.2022

HerbstEr ist zu kalt, er ist zu nass
Und wird sekündlich nasser.
Die Liebe friert. Hoch lebt der Hass.
In Seelen steht das Wasser.

Der Morgen legt Ganztagesgrau
Auf Freude und Gelächter.
Am Abend sagt die Tagesschau:
»Das Wetter wird noch schlechter.«

Die Blicke leer, die Lage schlimm:
So höllisch ist November.
Jedoch wie himmlisch ist er im
Vergleich mit dem Dezember!

Thomas Gsella

Original Zeichnungen aus Erwin Esel ...

30.10.2022

Erwin am See
Bärenhöhle
Hund mit Krebs

Glück?

29.10.2022

Beim Spazieren gehen sehe ich manchmal eine Bäuerin. Sie steht gebückt auf dem Feld und hackt das Unkraut zwischen den Beeten, wo Blumen gepflanzt sind. Ich kenne sie, sie ist schon alt, über achtzig. Und ich frage mich: Was hat diese Frau von der Welt gesehen? War sie jemals auf Mallorca, ist sie schon einmal geflogen? Und tut ihr nicht der Rücken weh, oder das Knie, und jammert sie? Nein, diese Menschen jammern nicht. Sie sind zufrieden und arbeiten ihr ganzes Leben lang: auf dem Feld, in den Ställen, im Garten, im Haus. Wie hat Tucholsky gesagt: »Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück.«
Aber dumm sind diese Bauern nicht. Glücklich?

Centro de conversacion

Auszug aus meinem Roman Raubkind - eine Road Novel

28.10.2022

Eine skurrile, abwechslungsreiche und unterhaltsame Erzählung über den alltäglichen Terror, dem die handelnden Personen zum Teil ausgeliefert sind, vor allem aber entfliehen auf absonderlichen Wegen. Sie richtet sich an Leser, die bereit sind, den unterschiedlichen Figuren auf weite Wege zu folgen, Wege, die sich manchmal auch nur im Inneren einer Person oder in Träumen befinden. Ausgezeichnet mit dem Debütpreis des Ludwigsburger Pop-Verlags 2008

Jakob starrte geradeaus durch die Windschutzscheibe. Dort auf den Hügeln blühte der Ginster, und sie sahen aus wie das verheißene Land. Wie lange mochten sie schon so da stehen, unberührt von allem, was um sie herum geschah. Der Horizont verschwamm im Dunst, und wieder einmal hatte er das Gefühl, dass der Himmel die Erde berührte.
Sie erreichten die Grenze bei Hendaye am späten Nachmittag und fuhren, ohne belästigt zu werden, nach Spanien ein.
»Ich hab Hunger, Kleiner, lass uns was essen gehen, ich lad dich ein.« Die ersten verheißungsvollen Worte seit Stunden.
Tatsächlich knurrte Jakobs Magen schon seit einer ganzen Weile.
Der Spanier wusste ein gutes Lokal abseits der Autobahn. Es gab Tintenfische de la plancha auf einer mündlich vorgetragenen Speisekarte und es war eine Speise nach beider Geschmack. Jakob trank Rotwein, der Spanier Wasser.
Er wolle noch bis in die Dunkelheit fahren, sagte er, als er wieder auf die Autobahn fuhr. Nach einer Weile erschien am Straßenrand ein Schild und Jakob rief aufgeregt: »Bieg ab, bieg dort ab. Da muss ich hin. Unbedingt!«
Der Spanier starrte ihn ungläubig an, und tat reflexartig wie befohlen, er hatte ja Zeit und war neugierig, was der Junge dort wohl wollte. Er bog an der angegebenen Stelle ab, fuhr auf einen Hof und parkte den Lkw vor einem großen Bauwerk mit Nebengebäuden.
Ungestüm und ohne weitere Worte sprang Jakob aus dem Lkw und rannte auf das Haus zu. Das hatte er im Traum gesehen. Ein großes Haus mit vielen Menschen, genau wie dieses. Er zog mit Mühe die schwere Eingangstür auf. Sein Spanisch holperte etwas, als er der Dame hinter der Glasscheibe durch ein Sprechloch sein Begehren schilderte.
Was hatte sie denn verstanden? Ihr Mund zog sich in die Breite, sie bemühte sich um Fassung, und brach dann doch in lautes Lachen aus. Jakob wiederholte seine Bitte. Sie lachte noch lauter. Aus dem Nebenraum kam eine weitere Angestellte herbei und die erste Dame redete schnell mit vielem Rrrr-Gerrrrolle auf sie ein. Es klang wie ein Maschinengewehr, aber nun lachten beide.
Als eine der Türen im Gang sich öffnete, und ein Herr hervortrat, der von den beiden Damen mit viel Armgeflügel herbei gebeten wurde, verließ Jakob möglichst unauffällig den Ort und kehrte zum Lastwagen zurück.
»Fahr schnell los«, sagte er nur – »Was ist geschehen, hast du eine Bank ausgeraubt?«, frozzelte der Spanier. Jakob antwortete nicht. Sein Traum war zerplatzt. Als sie schon längst wieder auf der Autobahn rollten, fragte er leise: »Auf dem Schild stand doch ›centro de conversación‹?«
Fernando fing an zu lachen. Dann sah er Jakobs bestürztes Gesicht und hörte auf. »Da wolltest du hin?« Ein Gluckser stieg aus seiner Kehle auf, aber er beherrschte sich. »Kleiner, auf dem Schild stand ›centro de conservación‹.«
Jakob sank ein Stückchen tiefer in sein Shirt hinein. Conversación – conservación, meine Güte. Das kann doch jedem passieren, dachte er und schämte sich. »Ein centro de conversación, Kleiner, gar nicht schlecht. So was müsste es wirklich geben«, tröstete Fernando, »Die meisten Menschen reden und reden, aber sie haben verschiedene Sendekanäle und können einander nicht hören. Wenn man das wo lernen könnte – das wär gut.« Jakob antwortete nicht.

Eine Tochter ward mir geboren ...

25.10.2022

Heute vor 41 Jahren hielt ich sie im Arm, ein Geschenk, ein kleines hilfloses Wesen, und geliebt vom ersten Augenblick an. Damals waren wir als Eltern noch unsicher: das Kind verwöhnen? Schreien lassen? Die Schwiegermama wusste immer Rat! Leider selten den besten.
Wir haben uns durchgebissen, durch schlaflose Nächte, Zahnweh, vollgeschissene Windeln, Durchfall, Husten ... und so unendlich viel mehr Freude.
baby
»Wie schön, dass du geboren bist ... «, singt der Chor der Zukunft im Theater. Ja, ich hätte dich sonst sehr vermisst, liebe Tochter.
Wir haben es uns später nicht immer leicht gemacht und es gab - und gibt immer wieder - Reibereien, Missverständnisse, Enttäuschungen. Aber es gibt auch: Verzeihen und Liebe.

Auch in meinem neuen Roman Monologe mit Marta schreibe ich etwas über Mütter und Töchter:
»Was soll ich Marta über meine Kinder erzählen? Sie kennt die Kinder nicht und auch nicht den Teil von mir, der Mutter war. Meiner Mutter bin ich keine gute Tochter gewesen und was ist das überhaupt, eine gute Tochter. Davon hat wohl jede Generation andere Vorstellungen. Als ich Tochter war, hätte ich gehorsamer sein sollen, nicht so wild und wissbegierig. Vielleicht hätte ich öfter Röcke tragen sollen. Und saubere Kniestrümpfe. Später hätte ich meine Mutter öfter besuchen sollen, oder wenigstens anrufen. Da bin ich zu sehr meine eigenen Wege gegangen. Selbst zu ihrem Tod bin ich zu spät gekommen. Erst heute kann ich ermessen, wie einsam sie gewesen sein muss.
Siehst du, und was erwartest du heute von deinen Kindern?, fragt Marta. Ich habe sie nicht kommen hören.
Heute ist es so, dass die Kinder von der Mutter erwarten, dass sie anruft, dass sie Zeit hat, zu Besuch kommt, verfügbar ist. Das letzte habe ich ein bisschen bösartig gesagt, aber manchmal stimmt es auch.«

Sonntagmorgen à la Caspar David Friedrich

23.10.2022



Über Kinder

Zitat aus Rita Ferro, A menina é filha de quem

22.10.2022

»... tudo o que um filho precisa de saber de uma mãe e é isso que espero que os meus percebam: voem para onde voarem, estarei cá em baixo para os amparar, se caírem.«
» ... this is what a child should know from a monther and I hope that my children know: they may fly to where ever they have to, I am down here to catch them up if they fall.«
» ... das Wichtigste, was Kinder von ihrer Mutter wissen müssen, und ich hoffe, dass meine das verstanden haben, ist: Sie sollen fliegen, so hoch und so weit sie wollen und können, ich werde hier unten sein und sie auffangen, falls sie abstürzen.«

Ich hoffe sehr, dass meine Kinder das wissen!

Pferde ...

21.10.2022

ponyIch glaube, meine Liebe zu den großen Tieren fing schon damals an, als ich zum ersten Mal auf einem Pony saß. Das war in Hagenbecks Tierpark in Hamburg, bei einem Besuch bei den Großeltern. Es hat mich nicht mehr losgelassen. Meine Mutter erzählte begeistert, wie sie in Travenhorst mit den Pferden des Bauern ohne Sattel in die Trave geritten sind. Und dann las ich alle Pferdebücher, die kriegen konnte: Fury, mein Freund Flicka, Nuja mein Fohlen, der weiße Hengst Maestoso Austria ... und und und.
sarinaUnd eines Tages bekam ich tatsächlich die Gelegenheit, zu reiten. Ich hatte im Stall geholfen, ausmisten, Pferde putzen und dann durfte ich auf dem Pony Rosi an die Longe. Wundgescheuerte Beine, ein wunder Po ... nichts konnte mich aufhalten. Ich war von da an täglich im Stall bei den Pferden und durfte bald alle Pferde reiten - damals waren die Besitzer:innen noch froh, wenn jemand ihre Pferde bewegte, wenn sie selbst keine Zeit hatten. Da mein Reitlehrer befand, ich hätte Talent, bildete er mich in Dressur und im Springreiten aus und bald durfte ich mit seiner eigenen Vollblutstute Jubilate auch auf Turnieren starten ...
springen

... to be continued ...

Mea Culpa

Eine Katzengeschichte

20.10.2022

Eigentlich bin ich an allem schuld.
Da ich die Katze vor dem Verhungern gerettet habe, war es ja zu erwarten, dass sie Unmengen an Futter verschlingen müsste, um groß zu wachsen. Auch, dass dem natürlichen Stoffwechsel zufolge, das Katzenklo frequentiert würde und einer es würde säubern müssen, kam nicht unerwartet. Dass das eine oder andere Mal sie vielleicht daneben zielen könnte, musste einkalkuliert werden.
Da ich die Katze vor dem Verhungern rettete, musste man davon ausgehen, dass sie eines Tages auf SEINEN Schreibtisch springen würde, dass sie dort die Papiere neu sortieren würde, das Unterste zuoberst kehren sozusagen, dass dabei das eine oder andere Papier oder auch die Geldkarte Spuren ihrer Krallen davon tragen musste.
Es lag im Bereich des Kalkulierbaren, da ich die Katze vor dem Verhungern gerettet hatte, dass bei einer dieser Schreibtisch-(Un-)Taten der Schlüssel SEINES Hauses in Portugal herunterfallen würde, vermutlich direkt in den Papierkorb, den ich am selben Tag in die Tonne entleerte, weil ich mich bemühe, eine ordentliche Hausfrau zu sein und immer Freitags die Mülltonnen sehr früh geleert werden, der Schlüssel also verschwunden war und es keinen Ersatz gab.
Ich hätte es voraussehen können, da ich es war, die die Katze vor dem Verhungern gerettet hatte, dass der Schlüssel verschwunden blieb, die portugiesischen Behörden sich stur stellten, der Beweis für den Besitz des Hauses nicht auffindbar, folglich kein neuer Schlüssel zu beschaffen war, ER also des Hauses ledig.
Mea culpa, mea maxima culpa. lachen

Schreiben ...

19.10.2022

Seit ca. zwei Jahren schreibe ich an einem neuen Buch: Monologe mit Marta. In diesem Buch vermischt sich Biografisches mit Fiktivem - das ist eine Art zu schreiben, die ich sehr gern mag. Für die Leser:in ist es wahrscheinlich ein bisschen anstrengend, weil nie klar abgegrenzt ist, wo Wahres in Fiktives übergeht. Monologe mit Marta - es sind zum Teil Gespräche mit einem Gegenüber und auch da ist nicht klar, ob es dieses Gegenüber überhaupt gibt, oder ob es nicht in Wahrheit Monologe sind. Es ist auch eine Geschichte über das Alt sein, darüber, sich selbst Rechenschaft abzulegen und eine Geschichte mit vielen Fragen.
Und jetzt hänge ich mal wieder fest ... wie so oft. Quäle mich Zeile um Zeile weiter und weiß schon beim Schreiben, dass aus Gequältem nichts Gutes entsteht ... Geduld war noch nie meine Stärke.

Leseprobe:
das DorfJahre später kam ich zurück in das Haus aus rotem Stein. Ich hatte mein buntes Leben fast zu Ende gelebt, die Kinder waren fort gezogen und der letzte Hund begraben.
Am Haus hatte sich nicht viel verändert. Die Stachelbeeren am Strauch waren vertrocknet, die Katze war eine andere, schwarz und scheu schlich sie herbei und beäugte mich. Ich stellte ihr ein Schälchen mit Milch hin, und sie machte sich gierig darüber her.
Es war kühl geworden, der Herbst weit fortgeschritten, und ich nahm die Jacke vom Haken, schloss die Gartentür und machte mich auf einen ersten Gang über die Felder.
Ich war der Menschen müde geworden, so viel Gedankenlosigkeit war mir begegnet, selbst hier hatte jemand seinen Müll achtlos ins Feld geworfen. Wie gleichgültig muss man sein? Haben die Leute keine Kinder – denken sie nicht an morgen? In was für einer Welt wollen sie leben?
Ich blickte um mich. Von hier aus sah das Dorf aus wie in den alten Zeiten, flach hoben sich die Reet gedeckten Dächer hinter den Pappeln heraus und vor meinem inneren Auge zog ein beladener Pferdewagen über die hölzerne Brücke, die unter den Holzrädern rumpelte wie diejenige aus meiner Kindheit.
Der Wind frischte auf, es dämmerte und ich machte mich auf den Heimweg.
Es wäre doch schön, noch einmal einen Hund zu haben, der mich auf meinen Wegen begleitete. Es sollte kein junger Hund sein, dafür war ich zu alt. Vielleicht wüsste Marta, wer einen abzugeben hätte.
Marta. Sie hatte mir einst den einen besonderen Hund geschenkt. Aber das stimmt nicht. Ich hatte ihn gefunden, oder vielmehr hatte er mich gefunden.
Die schwarze Katze hatte offensichtlich erwogen, dass keine Gefahr von mir drohte. Vier Junge hatte sie mitgebracht und alle sangen das Hungerlied. Sie flüchteten, als ich mit der Futterschale aus dem Haus kam, wagten sich aber gleich wieder hervor und knusperten die trockenen Krümel.
Diese erste Nacht war tiefschwarz und traumlos.

Als ich am nächsten Morgen nach den Katzen schaue, sitzt Marta auf der Bank neben der Tür.
Marta, sage ich, ich bleibe jetzt hier.
Heißt das, du bist Zuhause?, fragt sie.
Zuhause ist ein schweres Wort, sage ich und sie nickt.
Und deine Kinder?, will sie dann wissen.
Über meine Kinder möchte ich nicht sprechen. Noch nicht.
Ich betrachte Marta von der Seite. Sie scheint kaum älter geworden zu sein in den ganzen Jahren. Muss sie nicht zur Schule? ...

Fliegen

Aus der Sammlung »Neben der Spur« - Kurzprosa und Lyrik

18.10.2022

ich hasse fliegen. ich bin verrückt nach fliegen. mein vater war ein flieger. ich hasse fliegen.
sein flugbuch, flugstunden um stunden, distanzen, orte, stunden, abschüsse, abschüsse
ich liebe flugzeuge, ich liebe fesselballone, zeppeline, doppeldecker, ja, für meinen sohn habe ich einen doppeldecker aus dünnem sperrholz mit der laubsäge ausgesägt, all die feinen verstrebungen gesägt, geklebt, bemalt. ich habe flugangst.
maikäfer flieg, dein vater ist im krieg, dein vater flog nach pommernland, maikäfer flieg. mein vater war im krieg, mein vater flog nach engelland, engelland ist abgebrannt, maikäfer flieg, dein vater ist abgestürzt, dein vater ist ein held.
ich hasse fliegen. flugzeuge ziehen mich magisch an, in reisebüros die großen modelle, immer schon wollte ich ein solches flugzeugmodell haben, der propeller des ersten flugzeuges meines vaters auf dem dachboden, ein handschmeichler, heimlich nur zu betasten.
vater ist um die ganze welt geflogen, privat, jeden kilometer akribisch aufgezeichnet, jede flugroute im atlas vermerkt, jeder flughafen, jeder noch so kleine flughafen, ich hasse fliegen.
in meines vaters haus sind viele wohnungen, nein, keine wohnungen, in meines vaters haus sind viele fenster, und vor allen fenstern sind netze gespannt und wann immer eine tür geöffnet wird heißt es sogleich türzutürzu. mein vater hasst fliegen. in meines vaters haus, in meinem haus sind viele türen, nein fenster, offene fenster, offene türen, katzen, hunde, käfer gehen ein und aus, in meines vaters haus sind keine türen. keine offenen.
an türen klopfen. an geschlossene türen klopfen. an netze kann man nicht klopfen. herzklopfen haben. im flieger. angst und herzklopfen haben. angst.
panisch türzu türzu.
fliegen können. im traum. über mondwiesen segeln, über eine grüne ebene schweben. auf dem teppich ins traumland. fliegen können.
fliegen können krankheiten übertragen. türzutürzu.
fliegen können fliegen. durchs offene fenster hinaus. in den sommermorgen.
wir haben gemeinsamkeiten, vater und ich: wir hassen fliegen.
vater ist tot. komm lass uns fliegen ins land wo die zitronen blühn.

Herbstgedanken

17.10.2022

Kraniche Und es ist grau
die nebel fallen leise
wie auch die blätter langsam von den bäumen
und fliegen vögel vor der langen reise
ach, nehmt mich mit aus meinem kalten träumen

Es gibt so vieles, was ich noch gewollt hätte. Reisen, die ich wohl nicht mehr antreten werde. Einmal wollte ich auf die Kapverdischen Inseln fliegen. Ich mag die Musik so gern. Aber dann kamen andere Pläne und die Reise fiel aus. Lange Fahrten mit dem Auto habe ich gemacht, und würde ich gern noch einmal machen. Es gibt so viel zu sehen, wenn man durch die Landschaften fährt.
Einen Wanderritt werde ich auch nicht mehr schaffen. Hanno ist zu alt dafür, und ich wohl auch. Es ist schwer, das einzugestehen. Innendrin fühle ich mich nicht alt an. Nur so müde manchmal.

Theater Lüneburg: Drei Schwestern von Anton Tschechow

Nächste Vorstellung am Sonntag, 23. Oktober 2022 um 18 Uhr

16.10.2022

Eine Kritikerstimme: »Eine langweilige Geschichte spannend inszeniert«

»Der Schnee wird alles zudecken. Wir werden verschwinden, und man wird uns vergessen: unsere Gesichter, unsere Stimmen. Aber das Leben ist noch nicht zu Ende ... Die Musik ist so lustig! Ich glaube, bald werden wir wissen, warum wir leben und warum das so weh tut. Wenn ich es nur jetzt schon wüsste. Das wäre ... irgendwie ... besser ...«

Aus meinem Roman »Rädergesang«:

Eine Mischung aus Realität und Fiktion

15.10.2022

»Das, was ich gesucht habe in meinem Leben, habe ich nie gefunden«, sagt die alte Frau. »Vielleicht wusste ich nicht einmal, was ich suchte. Nichts wusste ich, als ich aufbrach. Nie hat eine Mutter oder ein Vater verstanden, mir Ziele einzupflanzen. Ziellos musste ich losstreben und suchen, um nichts zu finden. Was für Ziele muss man denn haben in einem Leben? Kann es ein Ziel sein, besser zu sein als die anderen? Wo wäre der Inhalt? Von anderen anerkannt werden. Wozu?
Rebellion hatte ich mir auf die Fahnen geschrieben. Gegen alle. Gegen die Reichen. Gegen die alle, die gegen mich waren. Gegen. Sich verweigern. Der Gesellschaft. Den alten Damen, Omas und Tanten. Ansprüchen. In Kauf nehmen dafür. Worte, geschlossene Türen, Schmäh und Schläge. Einsamkeit, the fool on the hill.
Einen Punkt in der Ferne sehen. Alles hinter sich lassen. Weg gehen. Von Ort zu Ort, die Straße entlang. Leben von der Hand in den Mund. In der Sonne. Und weiter, weg, weit weg. Menschen begegnen, gemeinsam wandern. und verlassen. Aber nicht vergessen. Freundliche Menschen, zarte, sehnsuchtsvolle, fremdartige, gedankenlose, kalte Menschen, Männer, Frauen. Gitarrenspieler, Schiffbauer, schwarzhäutiger Soldat, weißer Afrikaner,  Gloria. Auf Zeit. Geliehene Nähe.
Und wenn die Ferne nicht fern genug ist und Nähe nur auf Zeit zu haben, muss man weiter fliehen. Ins uferlose phantastische Reich der Hirngespinste. Dorthin, wohin keiner folgen kann.Where the sky is high and high it makes me cry. And no time to wonder. It turns me on. blue skies … weit weit weg. Und so unwirklich in der Erinnerung.«

1. Preis im Geschichten Wettbewerb

14.10.2022

Hurra, meine Kindergeschichte »Die Schlumpl« hat bei Kathrinchen Zimtstern den ersten Preis gewonnen:
»Die dreizehn Mitglieder der Jury hatten jeder 10 Punkte zu verteilen. Die Geschichten mit der höchsten Punktzahl sollten prämiert werden. Aufgrund von Punktegleichheit haben wir zwei 2. Plätze und zwei 1. Plätze vergeben dürfen. Die beiden Silbermedaillen gingen an Nele Malin Winkler und an Jana Sobecki, die Goldmedaillen an Barbara-Marie Mundt und Steffi Kraus. Allen vier Erstplatzieren möchten wir herzlich gratulieren und wünschen Euch allen, dass Ihr die Freude am Schreiben weiterentwickelt.«
Ich freue mich!

Hier geht's zur Geschichte
und hier kann man sie als Pdf downloaden

Fiktion ... Nachrichtensendung im TV

13.10.2022

Der Sprecher spricht von den Guten und den Bösen und die passenden Bilder dazu flimmern über den Monitor. Die Guten wollen Frieden und Wohlstand auf der ganzen Welt und die Bösen wollen Zank und Streit und Krieg. Sie sehen auch böse aus auf den Bildern.
Die Guten wollen überall für Ordnung sorgen. Aber immer sind da die Bösen, die überall stören.
Die Guten wollen die Menschenrechte verwirklichen und die Bösen wollen sich nicht daran halten. Sie wollen weiter Gewalt und Unterdrückung verbreiten.
Jetzt werden die Guten aber böse und müssen wohl oder übel Gewalt und manchmal sogar Folter anwenden, aber sie tun es sehr sehr ungern, und auch nur, um die Bösen zur Räson zu bringen, die die Folter anwenden zum reinen Vergnügen. Nebenbei bemerkt haben sie auch die falsche Religion. Und wie das Wetter wird ...

Rechts ist ...

12.10.2022

Rechts fängt im eigenen Kopf an!
Rechts ist die Angst vor dem anderen, der nicht so ist wie ich. Rechts hat viele Gesichter. Sollen die doch dahin gehen, wo sie das machen können ... was immer das ist: Kopftuch tragen, beschneiden, kein Fleisch essen, Allah statt Gott sagen oder gar keinen Namen. Die unreligiösesten Leute werden plötzlich aufgeregt, wenn es um den Islam geht.
Weil wir nicht begreifen können, dass Menschen aus verschiedenen Ländern, Kulturstufen, auf verschiedenen Stufen der Entwicklung stehen. Wir maßen uns an, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, weil wir keine Kreuzzüge mehr machen und keine Juden mehr vergasen. Achja? Aber wenn der Nachbar seinen Hund quält, den würde manche am liebsten … hängen, lynchen … vergasen?
Rechts fängt im eigenen Kopf an!
Warum mag ich keine Zigeuner? Na klar, die schielen alle. Weil sie Inzucht betreiben. Und stehlen. Am liebsten blonde Kinder – ach nein, dass war früher. Heute stehlen sie reellere Dinge. Deutsche, Christen ... stehlen nicht?
Und DIE Franzosen sind sowieso fremdenfeindlich. Mehr als DIE Deutschen. Oder nicht?
Wo ist Rechts? Rechts ist die gute Hand. ER sitzet zur Rechten, von dort wird er kommen ... und ich führe dich auf den Rechten Weg. Von Rechts wegen darf eine Lehrerin kein Kopftuch tragen, eine Nonne aber schon.
Rechts fängt in meinem eigenen Kopf an.
Rechts fängt an, wenn ich mein Gegenüber einfach nicht lassen kann, wie er nun mal ist. Ich möchte tolerant sein, und bringe es einfach nicht fertig.
Mit Rechts lasse ich den ganzen Frust raus, den ich habe: auf meinen Mann, der mich nicht so liebt, wie ich es gern hätte, auf meine Kinder, die ihr verdammtes eigenes Leben führen wollen, auf meinen Nachbarn, der seinen Hund nicht so behandelt, wie ich es als richtig ansehe, auf den anderen Nachbarn, der Sonntags mit seinem Quad auf dem Grundstück herumkracht, auf den Sch... Staat, auf den Sch... Staat ...
Rechts fängt in meinem eigenen Kopf an … 

August 2016

Heimatgedanken

11.10.2022

Auszug aus dem Buch Das Olga-Abenteuer - ein Reisebericht mit literarischen Einsprengseln:
Was ist Heimat, fragte Fidel, und ich dachte etwas länger darüber nach und suchte in meinem Hirn all die Antworten, die irgendeiner schon mal gegeben hat. Wo man geboren ist, ist auch eine Art Heimat, aber meistens verlässt man heutzutage diesen Ort bald. Früher war Heimat da, wo die Väter begraben waren, aber unser Totenkult ist mittlerweile eher Makulatur. Man ist flexibel und soll es auch sein; man zieht um und um und sucht sich seine Heimat, wo es einem gefällt. So kam Fidel nach Portugal, ein portugiesischer Kollege, ein Zé oder João, hatte ihn eingeladen, Fidel kam und es gefiel ihm so sehr, dass er ein Haus kaufte, das ihm Zuhause wurde.
Andere vermissen ewig die Heimat ihrer Kindheit, ihr ganzes Leben ist erfüllt von unstillbarer Sehnsucht nach dem Land, in das man nicht zurückkehren kann. Für manch einen ist Heimat auch der Ort, wo die Oma wohnt und all das, was sie verkörpert.
...
»Heimat ist, wo mir Wolken, Erde und Menschen freundlich gesonnen sind«, sagte ich, »und wo du auch bist.« Und Heimat ist etwas ganz Fremdes, aber das sagte ich nicht.

Zwischenbemerkung

10.10.2022

wahlergebnis So sehr es mich freut, dass SPD und Grüne gewonnen haben und nun vermutlich eine Koalition bilden werden, so sehr hat mich das Ergebnis der extremen Rechten erschreckt.
Es heißt, die meisten Wähler dieser Partei hätten damit ihren Protest ausdrücken wollen. Ob das stimmt? Und wenn, wissen diese Menschen denn nicht, wofür diese Partei steht? Für die Abschaffung der Demokratie, die Unterdrückung und Verfolgung von Minderheiten, für die Aussetzung der Arbeiterrechte ...
Ich werde es nie verstehen und es macht mir Angst.

Wenn ... hätte ...

09.10.2022

So viele Wenn's in meinem Kopf. Wenn ich meine Schule ordentlich beendet hätte … wenn ich einen anderen Beruf erlernt hätte … wenn ich das Reiten niemals aufgegeben hätte ... wenn ich meine Instrumente besser geübt hätte … wenn ich eine andere wäre ...

Freunde II

08.10.2022

Es gab Freunde, die waren enttäuscht, weil ich statt ihrer jährlichen allgemeinen Rundbriefe persönliche Nachrichten bevorzugt hätte. Sie haben sich seitdem nicht mehr gemeldet. Andere habe ich vernachlässigt, nachdem ich mich in ein neues Abenteuer gestürzt hatte und den Ort, der mir mehr Zuhause war als viele andere, verließ. Zuletzt ließ ich die Freunde in Portugal zurück und es ist schwer, über die große Entfernung freund zu bleiben.

Freunde ...

07.10.2022

Was ist von meinem bunten Leben übrig geblieben? Nicht viel. Kaum eine Freundschaft hat überlebt. Immer wieder habe ich Brücken hinter mir abgebrochen, bin von einer Phase in die nächste gestolpert ohne Plan und Bindung.
Und immer wieder musste ich neu anfangen, mich in einem Umfeld zurecht zu finden, mich mit neuen Menschen arrangieren, neue Freunde finden. Freunde … das ist auch so ein schweres Wort.
Zuletzt habe ich versucht, Fäden wieder aufzunehmen. Alte Freunde wieder zu finden, dank Internet ist das ja leichter geworden. Aber es gelingt meistens nicht, an abgerissenen Enden wieder anzuknüpfen ...

Zuhause sein

06.10.2022

Aus meinem neuen Roman "Monologe mit Marta":
Bin ich Zuhause? Wo bin ich Zuhause? Bleib ich hier oder geh ich wieder weg? Noch einmal ganz woanders hin? Wie sieht meine Zukunft aus – habe ich noch eine?
Bei mir selbst Zuhause sein - das wäre die Aufgabe.
Wo bist du Zuhause, Marta? Du ruhst in dir und bist immer ganz im Hier und Jetzt. Kann man das lernen?
Bei mir selbst daheim sein – was bedeutet das?
Es bedeutet, sagt Marta, während sie ihre Hände an den warmen Ofen hält, es bedeutet, dich selbst so anzunehmen, wie du nun mal bist. Vergiss die Stimmen, die dir immer einreden wollen, dass du wieder dies und das falsch machst.

Dazu gehören

05.10.2022

So sehr ich mir manchmal wünsche, in einer Gemeinschaft zu leben, wäre mir immer wichtig, mich zurückziehen zu können, so oft ich möchte, und das ist oft. Ich brauche viel Zeit für mich allein; viele Menschen zu lange um mich zu haben, überfordert mich. Dazu gehören, mit der nötigen Distanz – das wäre meine Idee, der schöne, so häufig gebrauchte Spruch: alles kann, nichts muss. Ich traue dem nicht.
Ich bin zu alt, um in die Blasen der anderen zu dringen. Sie haben ihre gewachsenen Freund- und Feindschaften. Ich habe zu oft die Brücken hinter mir abgebrochen. Und kann nicht mehr dazu gehören.

Mit Bäumen sprechen

04.10.2022

Ich spreche zuweilen mit Bäumen. Mein Lieblingsbaum ist eine Birke, sie steht in der Feldmark in Artlenburg. Ich versuche, von ihr zu lernen, denn sie ist tief verwurzelt, rau und glatt, fest und hart … und trotzdem tanzt sie. Ich spreche mit ihr und sie begrüßt mich zärtlich mit ihren feingliedrigen Zweigen, die mich umfächeln, wenn ich an ihrem Stamm lehne und kurz innehalte. Ich versuche, die Welt zu sehen wie sie, aber es gelingt mir nur selten. Ich schaffe es nicht, fest zu sein und zugleich zu tanzen.

Spiegel

03.10.2022

Die Menschen um mich herum halten mir so viele verschiedene Spiegel vor, dass ich manchmal irre werde an mir selbst. Wahrscheinlich enthält jeder Spiegel einen Splitter der Wahrheit – über mich genauso wie über denjenigen, der spiegelt.
Wie jemand dich sieht, hat mir vor vielen Jahren mal jemand gesagt, der es wissen muss, hat nichts mit dir zu tun, und du kannst es nicht beeinflussen. Es liegt im anderen begründet, in seinen Erfahrungen und Begegnungen.
Ich bin eine Landschaft oder eine Musik, habe ich dann beschlossen, und wie jemand die empfindet, hat nichts mit mir zu tun.

Sind Namen Schall und Rauch?

02.10.2022

Durch meine kleine Rolle als alter Ego der Olga in Tschechows Drei Schwestern, als alte Olga, die mit der jungen Olga spricht, bin ich ans Nachdenken gekommen. Zuerst überlegte ich, was ich der jungen Barbara sagen würde, wenn ich sie träfe. Sehr viel ist mir dazu nicht eingefallen. Aber dann ist mir doch etwas eingefallen: Ich begegne nicht der jungen Barbara. Ich begegne dem Kind Bärbel.
Schon der Klang des Namens hat etwas mit mir gemacht. Warum legt man einen Namen ab und nimmt einen anderen Namen an? Klar, Barbara klingt erwachsener. Aber warum mochte ich meinen Kindernamen nicht – was habe ich damit verbunden?
Ich beschloss, dieser Bärbel die Hand zu reichen, ihr zu sagen: Du bist willkommen. Und das löste ein gutes Gefühl in mir aus.
Ich ging noch einen Schritt weiter. Ich sagte Bärbel: Du bist okay, so wie du bist. Du gehörst zu mir. Und mir fiel ein, warum ich mit achtzehn versucht hatte, mich von Bärbel zu trennen: Sie war nie akzeptiert. Niemand hat je zu ihr gesagt: Du bist okay. Immer war irgend etwas falsch an ihr: die falsche Hand, das falsche Geschlecht, zu wild, zu fordernd, zu eigensinnig … (über dieses letzte Wort könnte man auch mal nachdenken).
Leider hat es nicht funktioniert. Ich konnte zwar den Namen ändern, aber die Geschichte der Bärbel schleppte ich mit mir herum. Durch Tschechows Geschichte, vor allem durch die fantastische Inszenierung von Daniel Kunze, kann ich Bärbel endlich die Hand reichen.

Was ist wirklich?

01.10.2022

Was passiert mit meinen Gedanken, wenn ich nicht mehr da bin? Produzieren sie weiterhin diesen Film, den wir Wirklichkeit nennen und der uns einhüllt wie eine Seifenblase? Die Wirklichkeit meiner Tochter ist eine ganz andere. Wie also kann ich glauben, dass etwas fest und wahr ist? Selbst Farben nehmen wir unterschiedlich wahr. Jede von einem anderen wahrnehmbare Aktion meiner Person ist wirklich – sie berührt einen oder mehrere andere Menschen, ruft dort Reaktionen, Empfindungen, Gefühle hervor. Aber ist sie so wirklich, wie sie bei dem anderen ankommt, oder so wie sie von mir ausgeht? Oder beides? Können zwei verschiedene Wirklichkeiten nebeneinander wahr sein?